SI-Vortrag: SehnSucht nach dem perfekten Körper

Foto 1: v.l.: Susanne Bolduan (Präsidentin SI Lauterbach-Vogelsberg), Dr. Barbara Peters (SI Lauterbach-Vogelsberg), Hildegard Hast (Präsidentin SI Fulda) , Dr. Gerd Jansen, Katharina Rossbach (Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Fulda) und B

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Der Club Soroptimist International Fulda in Kooperation mit Club Soroptimist Lauterbach-Vogelsberg sowie das Frauenbüro und Frauenzentrum Fulda hatten zum Vortrag mit Dr. Gerd Jansen geladen. Viele Interessierte hatten sich eingefunden, um den Ausführungen des Gynäkologen und Sexualmediziners zum Thema „Was der Kopf mit dem Körper tut – oder der Angriff der Dummheit auf die Intelligenz des Körpers.“ zu folgen. Dr. Barbara Peters, vom SI Club Lauterbach-Vogelsberg führte zunächst den Referenten ein und schilderte ausführlich den Spendenzweck des Abends, der der Arbeit von „Fistula e.V.“ zugute kommt. Der Verein setzt sich für die medizinische Versorgung von Frauen mit geburtsbedingten Verletzungen ein. „Fistula“ wurde von Drs. Reginald und Catherine Hamlin gegründet, die 1974 das Fistula Hospital in Addis Abeba eröffneten. Es ist weltweit führend in der Behandlung von Geburtsfisteln und finanziert sich ausschließlich durch Spenden (www.fistula.de).

Dr. Jansen, auch namhafter Referent für Fachfortbildungen und Buchautor, warf in seinem Vortrag ein analytisches, klares Licht auf „Body Modifications“ – der Fachbegriff für Veränderungen des Körpers. Dabei legte er nicht nur die medizinisch-fachliche Seite dieses Phänomens dar, sondern bezog auch kulturhistorische Aspekte und psychologische Dimensionen in seine Betrachtungen des „Selbstoptimierungswahns“ mit ein. Mit vielen Bildern, Fallberichten und Statistiken entwickelte sich der Vortrag zu einer detaillierten, und dennoch überblickenden Charakterisierung der vermeintlich „modernen“ Körpereingriffe, bei denen es sich im Grund um willentliche Deformationen des natürlichen Körpers handelt, die sich quer durch die ganze westliche Gesellschaft ziehen, weder auf eine bestimmte Altersgruppe noch auf ein Geschlecht begrenzt.

Beginnend mit Bodybuilding über Tätowierungen, hin zu Piercings, „Body Implants“ und Intimchirurgie bzw. kosmetischer Chirurgie konnte Dr. Jansen darlegen, wie sich in jedem dieser Teilbereiche aus kulturhistorisch oder rituell motivierten Veränderungen des Körpers individueller Ethnien in der modernen westlichen Gesellschaft zu gesamtgesellschaftlichen Moden wandeln, die heute offenbar – das zeigten Bilder und Statistiken Dr. Jansens - keinerlei Grenzen der Vernunft mehr kennen. Ein großes Risiko für Gesundheit und manchmal sogar das Leben wird bewusst in Kauf genommen: u.a. mit Steroiden- und Hormoncocktails aberwitzig aufgepumpte Muskeln, Hautablationen und – entzündungen bei Tätowierungen, „Eyeball-Tattoos“ (das Weiß des Augapfels wird schwarz tätowiert), die zu Erblindung führen können, durchstoßender Schmuck in allen Körperteilen mit einer möglichen Heildauer von bis zu sechs Monaten mit Komplikationen bis fast 50% bei Intim-Piercings in der Altersgruppe 16 – 24 Jahren. Die Bilder und Zahlen waren für das medizinisch ungeschulte Publikum teilweise schwer verdaulich, aber als Spiegel der Realität ein notwendiger, weil aufklärender Schock.

Die Beherrschung und Modellierung des eigenen Körpers ist zum Modetrend geworden, egal, wie hoch der Aufwand oder die körperliche Belastung, das Risiko für Leib und Leben sind. Werbung und Medien treiben diese wahnwitzige „Ästhetik“-Maschine an, verzerren die Eigenwahrnehmung der Einzelnen und verdienen Millionen daran. Eine zunehmende Pornographisierung der Darstellungen führt in der Intimchirurgie auch zur Pathologisierung. Sogenannte „Vulva-Vaginaldesigner“ helfen mit, junge Mädchen und auch erwachsene Frauen nachhaltig zu verunsichern, weil völlig gesunde, individuell und normal gewachsene Körperteile als unnormal definiert und damit  in den Bereich einer Krankheit gerückt werden. Kosmetische Chirurgen verlassen in diesen Fällen ihren Heilberuf und werden Serviceleister und Produzenten im Dienst eines Modetrends.

Warum, so Jansen, gilt nicht mehr „Nimm mich wie ich bin, oder wie Gott mich schuf, mit der Freude am Unvollkommenen? Handelt es sich nicht um ein gestörtes Selbstwertgefühl, das nicht entblößt werden soll? Verbirgt sich dahinter nicht selten die Angst der Moderne, Schwächen eingestehen zu können, weil das nicht zum Zeitgeist der Macher, der Winner passt?“ Dabei führe doch erst das Eingeständnis und Durchleben von Schwächen und dem dadurch vermittelten Angstgefühl zur wirklichen Klugheit, so Jansen.

Mit seinem Vortrag geriet Dr. Jansen ein wirklich eindrückliches und mahnendes Bild dieses Gesellschaftsphänomens, in dem er Position bezog und auch den eigenen Stand an die Einhaltung des einmal geschworenen hippokratischen Eides gemahnte. Durch seine kulturelle, geschichtliche und psychologische Verortung der „Body Modifications“ als gesellschaftsdynamischen Prozess ergab sich ein tiefgreifendes Verständnis dafür, an welchem Punkt die Gesellschaft im Moment steht und wohin die Straße der Selbstzerstörung in Zukunft führen könnte. Nicht nur Einzelne kranken an „weinenden Spiegeln“ – es ist auch die sie umgebende Gesellschaft.

Mit dem Bild zweier in Würde gealterter, lachender Menschen beschloss er seinen Vortrag und gab dem Publikum so ein lange nachwirkendes Bild von wahrer Schönheit mit: Schönheits-Operationen sind Körperbild-Operationen mit falschen Instrumenten - körperliche Vielfalt ist Normalität und Schönheit. 

Sehnsucht nach dem perfekten Körper: Vortrag Dr. Jansen
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SI-Kinomatinée Schönheit – Vielfalt – Einzigartigkeit

LAUTERBACH. „Du bist schön, du bist einzigartig, du bist liebenswert – und niemand darf dir etwas anderes einreden!“ – diese Botschaft konnte das Publikum der Kinomatinée mitnehmen, die von den Soroptimist International (SI) Clubs Lauterbach-Vogelsberg und Fulda, Frauenbüro und Frauenzentrum Fulda im Rahmen der internationalen Frauenwoche 2018 veranstaltet wurde.

Bereits in ihrer Begrüßungsansprache verdeutlichten Susanne Bolduan, Präsidentin des SI Clubs Lauterbach-Vogelsberg, und Dr. Barbara Peters, Gynäkologin und Clubmitglied, unter welchem psychischen Druck schon junge Mädchen in eine von Medien forcierte Schönheits-Diktatur hineinwachsen, die zu einer völligen Verzerrung des eigenen Körperbildes führt. Sogenannte „Topmodels“ transportieren u.a. ein Frauenbild, das ohne Verlust von Persönlichkeit, Lebensqualität, Individualität und Gesundheit gar nicht zu erreichen ist. Dies stellt aber nur die Spitze eines gesamtgesellschaftlichen Phänomens dar, das sich auch hinter dem Euphemismus „Selbstoptimierung“ versteckt. Längst ist der vermeintlich perfekte Körper ein Sehn-Suchts-Ziel geworden, das mit quälenden Diäten und Schönheitsoperationen erreicht werden soll, bis hin zu unsinnigen Operationen am weiblichen Genitale. Getragen werden diese Auswüchse von einer gesellschaftlichen Strömung, die Frauen auf sexualisierte Schablonen reduziert und die nicht nur in der Filmbranche zu Übergriffen geführt hat – die „Meetoo“-Bewegung offenbart, wie nötig und höchst überfällig diese Kampagne ist.

Die gemeinsamen Veranstaltungen der SI-Clubs Lauterbach-Vogelsberg und Fulda widmen sich dem Bewusstmachen dieser persönlichkeitsschädigenden Gedanken und einem Umdenken, das die Einzigartigkeit des Menschseins wieder in den Mittelpunkt stellt. Die Clubs wollen Mut machen, sich darauf einzulassen, dass jede Frau Teil einer wunderbaren Vielfalt ist.

Auch der Film „Embrace“ (der englische Begriff drückt gleich drei Worte aus: Umarmung, umarmen und auch die Aufforderung umarme!)) der Australierin Taryn Brumfit ist ein solcher Mutmach-Film, der auf eindrückliche Weise schildert, wie die Autorin der Dokumentation zu der Liebe zu sich und ihrem Körper zurückfindet. Auf ihrer dreimonatigen Reise durch die Welt der Medien, Schönheitschirurgie, Wissenschaft und in zahlreichen Interviews mit Frauen zeigt sie, wie weltumspannend das Leiden am eigenen, vermeintlich fehlerhaften Körper ist und dass selbst Schauspielerinnen voller Selbstzweifel agieren – egal, wie erfolgreich ihre Rolle war.

Am Beispiel von Frauen, die ganz und gar nicht dem gängigen, verzerrten Bild von Schönheit entsprechen, wird offenbar, welche Kraft darin liegen kann, sich von all dem gesellschaftlichen Ballast freizumachen und sich selbst lieben zu lernen. Taryn Brumfits Motivation war vor allem, ihrer Tochter darin ein Vorbild zu sein und sie damit stark zu machen für eine Welt, in der 50% aller 5-12 Jährigen abnehmen wollen, 90% aller Bulimie- und Anorexie-Störungen bei Frauen zu finden sind und 45 % aller Frauen mit normalem Gewicht denken, sie wären übergewichtig.

Bei einem Glas Prosecco und Snacks konnte sich das Publikum nach dem Film austauschen. Auch einer der zahlreichen Zuschauer drückte aus, wie sehr ihn der Film beeindruckt und welchen Prozess er bei ihm in Gang gesetzt hatte:“Ich hatte keine richtige Auffassung davon, wie viel gesellschaftlichen Ballast Frauen mit sich herumschleppen müssen.“

Weitere Veranstaltungen der Reihe „Schönheit – Vielfalt – Einzigartigkeit“ finden am Freitag, den 23. März 2018 um 19 Uhr im VHS Haus Kanzlerpalais, Unterm Heilig Kreuz 1 in Fulda statt. Dr. Gerd Jansen, anerkannter Sexualmediziner und Gynäkologe, spricht zum Thema „Body-Modifikationen: Was der Kopf mit dem Körper tut oder Wenn die Spiegel weinen“.  Im Anschluss an den Vortrag ist viel Raum für Fragen und angeregte Diskussion. Der Eintritt ist frei. Am 5. Juni wird die Ausstellung „Schönlinge – Auf der Suche nach der Verletzlichkeit“ im Stadtschloss Fulda eröffnet.  Die Foto-Ausstellung erzählt eine Geschichte über 27 Frauen, die vom kreisrunden Haarausfall betroffen sind und die den Mut finden, zu sich selbst zu stehen.

Dr. Barbara Peters erläuterte auch den Spendenzweck aller Veranstaltungen. Alle Spenden gehen an den Verein „Fistula“, der sich für die medizinische Versorgung von Frauen mit geburtsbedingten Verletzungen (Geburtsfisteln) einsetzt. Allein in Äthiopien erleiden jedes Jahr über 9.000 Frauen Geburtsverletzungen. Geschädigtes Gewebe kann nicht vom Körper wiedehergestellt werden und betroffene Frauen leiden für den Rest ihres Lebens an schwerster Inkontinenz. In vielen afrikanischen Kulturen wird eine solche Erkrankung als selbstverschuldet angesehen, so kommt zum Schmerz auch noch der Verlust der Selbstachtung. Mit entsprechenden Operationen und einer funktionierenden Gesundheitsversorgung bei Geburten und Schwangerschaften kann dem Abhilfe geleistet werden.„Fistula“ wurde von Drs. Reginald und Catherine Hamlin gegründet, die 1974 das Fistula Hospital in Addis Abeba eröffneten. Deren Erfolgsquote bei der Operation von Geburtsfisteln liegt bei 90%. Auch eine Hebammenschule wurde 2007 eingerichtet; die Hebammen arbeiten präventiv. Das Hospital ist weltweit führend in der Behandlung von Geburtsfisteln und finanziert sich ausschließlich durch Spenden (www.fistula.de)