Bild 1: Trotzten dem Wetter für die gute Sache: Frauen des Club Soroptimist International Lauterbach-Vogelsberg mit ihrer Präsidentin Susanne Bolduan (vorne links) und Projektleiterin Ute Kirst (vorne, Dritte v.l.) sowie die unterstützenden Gäste (vorne, v.r.n.l) Hans-Jürgen Knapp, Erster Stadtrat Lothar Pietsch, Stefan Kunst, (hinten, v.r.n.l.) Bürgermeister Rainer-Hans Vollmöller und Petra Junk. Foto:Schmidt

Selbst heftiges Winterwetter konnte sie nicht abschrecken: Einige Frauen des SI Club Lauterbach-Vogelsberg kamen in Lauterbach bei Schneetreiben zusammen, um ihre für nächstes Jahr geplante Mitmach-Kunst-Aktion einer vorbereitenden Probe  zu unterziehen. Nicht nur der Hubsteiger des Lauterbacher Betriebshofes mit seinem Fahrer Hans-Jürgen Knapp waren dazu gekommen, sondern auch Bürgermeister Rainer-Hans Vollmöller, der das Vorhaben des SI Clubs unterstützt. Desweiteren hatten sich eingefunden Stefan Kunst, dessen Firma Wenzel & Hoos die Stoffbahnen für die Test-Elemente gespendet hatte sowie der 1. Stadtrat Lothar Pietsch und Petra Junk von der Stadtverwaltung Lauterbach.

 

Im Zentrum des Geschehens stand und steht dabei der Löwe – das Denkmal am Berliner Platz in Lauterbach. Mit Hilfe von Hubsteiger und Leiter wurde unter widrigen Wetterverhältnissen Maß genommen und Stoffelemente am Löwen platziert, die als Muster für die Mitmach-Kunst-Performance unter dem Thema „Nie wieder Krieg!“ dienen sollen. Passanten blieben stehen und fragten die anwesenden SI-Clubfrauen, was denn da mit dem Löwen geschieht und erhielten Auskunft: Das Löwendenkmal ist Teil der Lauterbacher Alltagskultur, Begegnungsort und Stadtmarke. Kaum jemand schenkt ihm tiefergehende Aufmerksamkeit, was sich mit dem Projekt des SI Clubs sicher ändern wird. Ute Kirst, Designerin und Mitglied des SI Clubs, hatte die Idee, den Löwen nach dem Vorbild des sogenannten „Urban Knitting“ mit Woll-Elementen einzuhüllen, um ihn mitsamt seiner Geschichte wieder in das Bewusstsein der Bevölkerung zu holen. Der Löwe wurde 1907 eingeweiht und sollte im Sinn des damaligen Denkmal-Ausschusses Symbol für die siegreichen Schlachten deutscher Truppen gegen die Franzosen 1870/71 sein. Anders als das Gefallenen-Denkmal am Lauterbacher Friedhof wurde der Löwe zum „Siegesdenkmal“, was uns heute rückblickend, besonders nach der Erfahrung zweier verheerender Weltkriege, nicht nur anachronistisch und unverständlich, sondern erschreckend erscheint. Ein Krieg, so wissen wir, bringt Verluste für alle Seiten. Deutschland genießt zwar seit über 70 Jahren Frieden, beheimatet aber seit einigen Jahren viele Menschen, für die Krieg, Kriegsverluste und –verderben ganz aktuelle Lebenserfahrungen sind. Es ist daher der Frieden, dem ein Denkmal gebührt. Das Projekt des SI Club Lauterbach-Vogelsberg, das von Ute Kirst geleitet wird, enthebt den Löwen symbolisch seines historischen Fundaments und setzt ihn so in neue, zeitgemäße und friedensbejahende Zusammenhänge: Aus dem Kriegssymbol wird ein Friedenssymbol, dessen umhüllende Wolle aus roten Farbtönen bestehen wird, die für Liebe, aber auch für Blut stehen. Mit dem Blick auf das Gestern erhalten unser Heute und unser Morgen eine neue Perspektive, und das nicht nur auf den Löwen.

Die Mitmach-Kunst-Aktion lädt alle Menschen, die sich daran beteiligen wollen, zum Stricken oder Häkeln ein. Hierfür werden ab Mitte Januar in Lauterbach Woll-Stationen eingerichtet, in denen man sich kostenlos Wolle abholen kann, um nach einer einfachen Vorlage die Wollelemente zu fertigen, mit denen der Löwe dann am 1. und 2. September eingehüllt werden soll. Das Verhüllungsdatum ist gut gewählt. Bereits kurz nach dem Krieg 1870/71 wurde jährlich am 2. September das Sedansfest gefeiert, das an den Sieg über Frankreich erinnern sollte. Das 25jährige Jubliäum wurde 1895 auch in Lauterbach  mit großem Festzug begangen. Nur drei Jahre später regte der örtliche Kriegerverein den Bau des Löwendenkmals an. Mit der Kunstperformance wird so das ehemalige Sedansfest in eine Friedensfeier umgewidmet. „Nie wieder Krieg!“ hat Ute Kirst das Projekt getauft, und mit diesem Motto wird nicht nur die Verhüllung selbst, sondern auch die über das Jahr verteilten Begleit-Veranstaltungen wie Vorträge oder Lesungen überschrieben sein. Vier Wochen lang wird der Löwe seinen roten Woll-Umhang tragen. Dann wird die rote Hülle gewaschen und wieder in ihre Einzelteile zerlegt, die man käuflich erwerben kann. Der Erlös kommt schließlich Kriegs- und Kriegstrauma-Opfern zugutekommen. „Nie wieder Krieg!“ erhielt bereits eine Förderzusage des mittelhessischen Kultursommers, der OVAG und der Volksbank Lauterbach-Schlitz. SI hofft, dass sich noch weitere Sponsoren und natürlich tatkräftige Strickwillige finden werden, sobald die Wollstationen eingerichtet sind. Wo diese sich befinden werden und wie das Projekt im Detail verläuft, wird rechtzeitig veröffentlicht. Ein Flyer und eine Website sind bereits im Werden. Das SI-Projekt „Nie wieder Krieg!“ hat gedanklich bereits vor längerer Zeit begonnen, setzte aber jetzt mit der Probeverhüllung einen ersten öffentlichen Aktionspunkt. Man darf auf den 1. und 2. September 2018 gespannt sein – ist es doch auch das Jahr, in dem sich das Ende des 1. Weltkrieges zum hundertsten Mal jährt.  

 

Weitere Infos: http://www.niewiederkrieg.net